Warum Sichtbarkeit für uns soviel Überwindung kostet
Zwischen Pflicht und Scham: Warum Sichtbarkeit für so viele Überwindung kostet. Woher diese Angst kommt – und wie es einfacher wird.
"Eigentlich ist mein Angebot fertig – ich müsste es jetzt nur noch zeigen." Und dann stockt es. Bei der Vorstellung, tatsächlich gesehen zu werden. Für mich zu Beginn (und sicher punktuell auch aktuell noch) die grösste Hürde.
Sichtbarkeit klingt technisch – sich für eine Arbeit verantworten, ein Interview geben, die Bühne betreten, sich in einem Post zeigen, einem Reel, einem Newsletter oder auf einer Plattform seine Meinung kundtun. Mit technisch hat das im Gefühl aber wenig zu tun. Sichtbarkeit ist Exposition und damit ist man angreifbar. Im Unternehmertum gibt es fast kein drumherum, als Angestellte:r gibt’s immerhin eine Verhandlungsbasis mit einer Zuweisung von Verantwortlichkeiten.
Warum Sichtbarkeit sich bedrohlich anfühlt
Evolutionär betrachtet war Sichtbarkeit für den Menschen lange Zeit tatsächlich riskant. Aufzufallen bedeutete, aus der Gruppe herauszustechen – und das konnte in früheren Zeiten Ablehnung, Ausschluss oder sogar Lebensgefahr bedeuten. Dieses alte Muster, scheint in uns noch immer aktiv zu sein, auch wenn ein Instagram-Post oder das Mikrofon vor der Nase keine echte Bedrohung darstellt.
Aber immerhin erklärt das, warum die Angst vor Sichtbarkeit sich oft körperlich zeigt – ein flaues Gefühl vor Menschen zu sprechen, oder vor dem Veröffentlichen eines Beitrages, oder die Versuchung, ihn nach dem Posten schnell wieder zu löschen. Der Kopf weiss, dass nichts Schlimmes passiert. Das Nervensystem ist da anderer Meinung.
Die zwei Ängste, die sich hinter "Ich bin nicht gerne sichtbar" verstecken
Die Angst vor Ablehnung – die Sorge, dass Sichtbarkeit auf Kritik, Skepsis oder Desinteresse trifft. Diese Angst ist real, weil öffentliche Sichtbarkeit tatsächlich beides mit sich bringen kann: Zustimmung und Ablehnung. Der Unterschied liegt darin, wie viel Gewicht man der Ablehnung gibt, verglichen mit der Zustimmung, die genauso entstehen kann und die man ja mag.
Die Angst vor Erfolg – seltener benannt, aber genauso präsent. Wenn Sichtbarkeit tatsächlich funktioniert, folgt mehr Aufmerksamkeit, mehr Anfragen, mehr Verantwortung. Manche Menschen bremsen sich unbewusst genau davor, nicht weil sie am Erfolg zweifeln, sondern weil sie ahnen, was er verändern würde. Aber vielleicht auch, weil das Unbewusste den Erfolg ausbremst.
Beide Ängste haben eines gemeinsam: Sie lassen sich selten durch mehr Strategie lösen. Ein besserer Content-Plan oder ein Medientraining für Angestellte verändert nichts an der zugrunde liegenden Angst.
Sichtbarkeit ist keine Persönlichkeitseigenschaft
Ein Missverständnis, das viele zusätzlich blockiert: die Annahme, manche Menschen seien einfach "der sichtbare Typ" und andere nicht. Sichtbarkeit wird dann als fixe Eigenschaft betrachtet – man ist so oder einfach nicht - wie extrovertiert oder introvertiert. Oder noch schlimmer: Es wird mit der Wahrnehmung des äusserlichen Erscheinungsbild assoziiert.
Tatsächlich ist Sichtbarkeit weniger eine Persönlichkeitseigenschaft als eine trainierbare Fähigkeit, verbunden mit der eigenen Beziehung zu Bewertung und Ablehnung. Introvertierte Menschen können sehr sichtbar sein, sobald sie einen für sie stimmigen Weg dafür gefunden haben. Extrovertierte Menschen können trotz äusserer Offenheit erhebliche Angst vor unternehmerischer Sichtbarkeit haben.
Was hilft: Sich trotzdem zu zeigen - leider führt kein Weg dran vorbei
Sichtbarkeit von der Zustimmung anderer entkoppeln. Solange der eigene Wert daran gemessen wird, wie andere zustimmen, solange bleibt jede Exposition ein Risiko für das Selbstwertgefühl. Der nachhaltigere Ansatz: den Wert eines Beitrags daran messen, ob er ehrlich und stimmig war – unabhängig von Likes, Kommentaren oder Reichweite.
Klein anfangen, aber wirklich anfangen. Sichtbarkeit muss nicht sofort in voller Grösse stattfinden. Ein Kommentar unter einem fremden Beitrag, eine Story statt eines Feed-Posts, ein kurzer statt eines langen Textes – jede kleine Form von Sichtbarkeit trainiert dasselbe Muster wie die grosse.
Sich fragen, wem das Verstecken dient. Nicht sichtbar zu sein, fühlt sich sicher an – schützt aber gleichzeitig niemanden davor, die eigentliche Grösse zu entfalten, die man erzielen könnte. Die Frage "Wem nützt es, wenn ich mich zeige?" verschiebt den Fokus weg von der eigenen Angst hin zu den Menschen, die von der eigenen Sichtbarkeit profitieren würden.
Bewertung als Teil des Prozesses akzeptieren. Jede Form von Sichtbarkeit bringt zwangsläufig unterschiedliche Reaktionen mit sich. Das ist kein Zeichen dafür, dass etwas falsch gemacht wurde, sondern eine normale Begleiterscheinung von öffentlicher Präsenz.
Identifikation mit der eigenen Aufgabe, dem eigenen Angebote hilft. Ob für Angestellte, die bspw. ein Projekt leiten, oder für Selbständige. Nicht sichtbar werden wollen kann auch durchaus damit zusammenhängen wie stark man sich mit seinem Produkt identifiziert.
Zeit ist Dein Freund. Aus eigener Erfahrung wird es mit dem zunehmenden Alter einfacher über Kritik hinwegzusehen und seinen Weg zu verfolgen. Wir haben über Jahre gelernt mit Rückmeldungen umzugehen und oft auch gemerkt, dass sie eher eine Reflektion dieser Person sind, als das sie aussagekräftig über die Qualität der eigenen Arbeit wären.
Sichtbarkeit als Übungssache, nicht als einmalige Überwindung
Sichtbarkeit wird selten leichter, weil man sich einmal "durchgekämpft" hat. Sie wird leichter durch Wiederholung – durch die Erfahrung, dass die befürchtete Katastrophe nach dem Veröffentlichen meist ausbleibt.
Das bedeutet: Der erste Post, das erste Mal ein Interview geben oder auf einem Podium zu sein, wird wahrscheinlich nicht das letzte Schwierige sein. Aber alles weitere wird ein bisschen leichter, wenn man dranbleibt.
Und…bei der heutigen Aufmerksamkeitsspanne und Overload an Informationen, gerät auch ein schlechter Vortrag, ein stotteriges Interview oder ein dürftiger Post irgendwann in Vergessenheit.