Was kostet die Selbständigkeit als Dienstleister:in wirklich? Ein Rechenbeispiel
Nino, 32, selbständiger Content Creator: Dieses fiktive Finanzszenario soll aufzeigen, wie sich der Start in die Selbständigkeit realistisch rechnen lässt – und warum die Investition oft geringer ausfällt als gedacht.
Eine der grössten Bremsen auf dem Weg in die Selbständigkeit ist die Vorstellung, dass der finanzielle Sprung riesig sein muss. Viele denken an fünfstellige Investitionen, ein Jahr ohne Einkommen, ein Risiko, das kaum kalkulierbar scheint.
Um diese Angst greifbarer zu machen, lohnt sich ein Blick auf dieses fiktive, aber realistische Beispiel. Es zeigt: Der Einstieg in die selbständige Dienstleistung ist meistens deutlich kleiner als die Vorstellung.
Hinweis: Das folgende Szenario ist frei erfunden und dient der Veranschaulichung. Es ersetzt keine individuelle Finanz- oder Steuerberatung – für Deine persönliche Situation lohnt sich immer ein Gespräch mit einer Fachperson (z. B. Treuhänder:in, Anwalt, Finanzberater:in).
Das Ausgangsbeispiel: Nino, 32, angehender Content Creator
Nino arbeitet aktuell 100 % im Bereich Marketing in einem mittelständischen Unternehmen und möchte nebenberuflich Content für kleine Unternehmen und Selbständige produzieren. Sein Angebot ist bewusst einfach: kurze Videos für Instagram und TikTok, Fotos und einfache Social-Media-Inhalte.
Laptop und Smartphone besitzt er bereits. Er startet ohne Büro, Mitarbeitende oder professionelle Kameraausrüstung.
Wichtig bleibt: Bei einer 100-%-Anstellung muss Nino prüfen, ob sein Arbeitsvertrag eine Bewilligungs- oder Informationspflicht für Nebentätigkeiten vorsieht. Eine Nebentätigkeit darf insbesondere den Arbeitgeber nicht konkurrenzieren und die Leistung im Hauptarbeitsverhältnis nicht beeinträchtigen.
Einmalige bzw. anfängliche Kosten:
Handelsregister: CHF 0, solange keine Eintragung erforderlich oder freiwillig gewünscht ist
Kleines Licht-/Stativ-Setup: ca. Euro 100–250
Externes Mikrofon: ca. Euro 50–150
Branding/Portfolio: Euro 0–300 bei weitgehender Eigenumsetzung
Vertragliche/rechtliche Grundlagen: ca. Euro 250–600 als angenommener Budgetposten
Laufende Kosten:
Domain/einfache Portfolio-Website: ca. Euro 150–300/Jahr (sofern Webseite selbst oder mit KI erstellt wird)
Canva/CapCut oder vergleichbare Kreativtools: ca. Euro 0–30/Monat
Cloud/Business-Mail: ca. Euro 5–15/Monat
Buchhaltung/Rechnungsstellung: ca. Euro 0–30/Monat
KI-Tools als Unterstützung für textlichen Inhalt und Bilder ca. Euro 25 - 30/Monat
Allenfalls zusätzliche Stock-, Musik- oder Softwarelizenzen: je nach Geschäftsmodell
Projekttool wie Notion oder Google Drive: ca. Euro 0 - 25/Monat
Verkaufsseite (Marketing, Verkaufsfunnel, Mailinglisten, allf. Webseiten): Systeme.io
Allfällige Abgaben für Medien etc. je nach Land (DACH) ca. Euro 30/Jahr
Realistische Startinvestition bei vorhandenen Laptop und Smartphone: ungefähr Euro 600–2’000*.
*Wenn Nino erst Kamera, Objektive, leistungsfähigen Laptop, Licht usw. kaufen muss, kann der Einstieg schnell bei CHF 2'500–5'000 oder deutlich mehr liegen
—> Für Informationen zu Gründungsgrundlagen der verschiedenen Länder in der DACH Region findest Du hier wichtige Informationen: Deutschland, Österreich und Schweiz.
Die Einnahmen – langsam wachsend (fiktive Beispiele)
Monat 1–3 bautNino sein Portfolio auf und gewinnt erste kleinere Aufträge.
Beispielsweise Euro 250–400 pro Auftrag = Monatsumsatz: ca. Euro 250–800
Monat 4–6 gewinnt er erste Kunden, die regelmässig Inhalte benötigen.
1 monatliches Content-Paket für Euro 600 und zusätzlich 1–2 Einzelaufträge = Monatsumsatz: ca. Euro 800–1'500
Monat 7–12 gewinnt er zwei bis drei wiederkehrende Kunden.
Kunde A: Euro 700/Monat, Kunde B: Euro 900/Monat, zusätzliche Einzelaufträge: Euro 300–600 = Monatsumsatz: ca. Euro 1'600–2'200
Was dieses Beispiel zeigt
1. Die Investition ist meist kleiner als die Vorstellung. Die grösste Hürde ist nicht die reale Zahl, sondern die unklare Vorstellung davon. Ein fiktives, aber realistisches Beispiel wie das von Nino macht sichtbar: Der Einstieg lässt sich mit überschaubarem Kapital starten, wenn man mit einem einfachen Angebot beginnt statt mit einem perfekten Rundum-System.
2. Nebenberuflicher Start reduziert das Risiko erheblich. Wer wie im Beispiel parallel angestellt bleibt, nimmt dem finanziellen Risiko einen Grossteil seiner Schärfe. Der Druck, sofort kostendeckend zu arbeiten, entfällt.
3. Wachstum passiert in der Regel stufenweise, nicht linear. Die ersten Monate sind meist die langsamsten. Das ist normal – und kein Anzeichen dafür, dass das Geschäftsmodell nicht funktioniert.
Der Unterschied zwischen "kein Risiko" und "kalkulierbarem Risiko"
Dieses Beispiel soll nicht vormachen, dass Selbständigkeit ohne jedes Risiko ist, sondern, dass das Risiko mit einer realistischen Zahl versehen werden kann und, dass nicht jede Selbständigkeit ein grosses Startkapital benötigt.
Meine ganz persönliche Empfehlung aus eigener Erfahrung: Mit einfachen Werkzeugen überschaubar starten. Das ist als Dienstleister:in möglich und völlig ausreichend. Das heisst, nicht von Beginn weg mit vielen verschiedenen Online Werkzeugen und Systemen arbeiten, sondern durch Praxis und Anwendung verstehen, was Du mit der Zeit wirklich brauchst.
Denn hier geben wir am Anfang unnötig viel Geld aus. Darum mein ganz persönlicher Tipp: Abo für Webseite, Domain mit Mail, ChatGPT oder/und Claude, Systeme.io sowie Canva. Damit bist Du für den Anfang sehr gut gerüstet.
Für die Buchhaltung, respektive Ein- und Ausgaben, kannst Du zu Beginn eine einfache Excel Tabelle nutzen. Erst ab einem bestimmten Betrag und bei MwST. Abfuhr, würde ich einen Treuhänder hinzuziehen.