Identitätswechsel: Vom Angestellten zum/r Unternehmer:in
Vom sichtbaren zum internalisierten Wechsel: Warum der Wechsel des Selbstbilds so herausfordernd ist und was dabei hilft.
Der Identitätswechsel: Vom Angestellten- zum Unternehmer:innen-Selbstbild
Als mich Menschen in meinem Umfeld und solche die ich nicht kannte, am Anfang meiner Selbständigkeit gefragt haben, was ich beruflich mache, kam ich mir mit meiner Antwort immer wie eine Hochstaplerin vor. Ich hatte erst angefangen, keine Kunden und überhaupt. Wer bin ich mich “Unternehmerin” zu nennen.
Wenn über den Schritt in die Selbständigkeit gesprochen wird, geht es meistens um Businesspläne, Finanzierung, Positionierung, Marketing. Alles wichtige Themen. Aber praktisch niemand spricht über den Wechsel des eigenen Selbstbilds und der neuen Identität.
Denn bevor Du Dich wie eine Unternehmerin verhältst, musst Du Dich erst einmal so fühlen. Und genau dieser Schritt – vom "Ich bin Angestellte" zum "Ich bin Unternehmerin" – ist bei den meisten eine der grössten psychologischen Herausfordrungen.
Warum die Rolle so viel von der Identität trägt
Als Angestellte:r hattest Du eine klare Antwort auf die Frage "Was machst Du beruflich?". Ein Jobtitel, eine Firma, eine Position in einer Organisation. Diese Antwort war nicht nur eine Beschreibung Deiner Tätigkeit – sie war über Jahre auch ein Stück Deiner Identität. Sie gab Dir Zugehörigkeit, eine Rolle im sozialen Gefüge, eine Struktur, an der Du Dich orientieren konntest, auch unbewusst.
Sobald diese Rolle wegfällt, verschwindet mit ihr auch ein Stück dieser Orientierung. Das ist der Grund, warum sich der Übergang in die Selbständigkeit so viel grösser anfühlt, als es die reinen Fakten vermuten lassen. Es geht nicht nur um einen neuen Job. Es geht um eine neue Antwort auf die Frage: Wer bin ich, wenn dieses vergangene Konstrukt fehlt?
Das Tal zwischen den zwei Selbstbildern
Zwischen dem alten Selbstbild ("Ich bin Angestellte in der Firma X") und dem neuen ("Ich bin Unternehmerin") liegt eine Phase, die sich schon recht oft unangenehm anfühlt. Man ist nicht mehr die eine Person, aber noch nicht wirklich die andere. Man sagt vielleicht schon "Ich mache mich selbständig", aber im Inneren fühlt es sich noch nicht danach an – eher wie ein Ausprobieren, ein Rollenspiel, fast wie Hochstapelei.
Das Impostor-Syndrom. Es taucht in dieser Übergangsphase besonders häufig auf, weil das äussere Bild (die Website, die Visitenkarte, das Angebot) meist schneller entsteht als das innere Selbstverständnis. Man handelt bereits als Unternehmerin, bevor man sich innerlich wirklich so fühlt.
Warum dieses Tal normal ist und Teil des Prozesses ist
Ein Missverständnis, das diese Phase unnötig schwerer macht: die Erwartung, dass sich das neue Selbstbild sofort einstellen sollte, sobald die Firma angemeldet ist. Das ist selten der Fall. Identität verändert sich erst durch wiederholte Erfahrung.
Das bedeutet: Das Gefühl, "wirklich" Unternehmerin zu sein, entsteht meist erst nach mehreren Monaten – durch den ersten Kunden, den ersten Erfolg, aber auch durch den ersten Rückschlag, den man selbständig gemeistert hat. Jede dieser Erfahrungen ist ein kleiner Baustein, der das neue Selbstbild festigt. Es gibt keine Abkürzung dafür. Leider.
Was diesen Übergang erleichtert
Das neue Selbstbild aktiv formulieren, nicht nur abwarten. Viele überlassen es dem Zufall, wann sich das neue Selbstverständnis einstellt. Es hilft, bewusst zu formulieren, welche Unternehmerin Du sein möchtest – als Richtung, an der Du Dich orientierst. Auch ein wenig manifestierst ;)
Kleine Beweise sammeln, statt auf den grossen Durchbruch zu warten. Das neue Selbstbild entsteht nicht durch ein einziges grosses Ereignis, sondern durch die Summe kleiner Momente: ein zufriedenes Kundenfeedback, eine Entscheidung, die Du souverän getroffen hast, ein Problem, das Du selbständig gelöst hast. Diese Momente bewusst wahrzunehmen, statt sie als selbstverständlich abzutun, beschleunigt den inneren Wandel.
Sich mit Menschen umgeben, die das neue Selbstbild bereits leben. Umgebung prägt Identität stärker, als uns oft bewusst ist. Der Austausch mit anderen Selbständigen – ob in einer Community, einem Coaching oder Netzwerkgesprächen – hilft, das neue Selbstverständnis schneller zu verinnerlichen, weil man es gespiegelt bekommt.
Der Bruch, der eigentlich ein Übergang ist
"Bruch" klingt nach etwas Abruptem und auch Schmerzhaftem. Passender ist vielleicht das Bild eines Übergangs – eines Prozesses, der Zeit braucht und in dem beide Selbstbilder eine Weile nebeneinander existieren, bevor sich das Neue durchsetzt. Das anzuerkennen, statt Ungeduld mit sich selbst zu haben, ist oft der Punkt, an dem sich dieser Prozess spürbar erleichtert.