Warum wir unser Alter als Vorwand für einen Neustart nehmen
Die Alterslüge: Warum wir unser Alter oft als Ausrede nehmen, anstatt ehrlich hinzuschauen, was uns wirklich zurückhält.
"Mit 62 fängt man doch nicht mehr neu an." "Jetzt, mit über 40, ist es endlich Zeit für Veränderung sonst ist es zu spät." Zwei Sätze, die sich komplett widersprechen – und trotzdem beide ständig fallen, wenn es um berufliche Neuanfänge geht. Das Alter wird zum Argument gemacht, in die eine wie in die andere Richtung. Nur: Geht es wirklich ums Alter?
Das Alter als bequeme Erklärung
Unser Alter hat einen grossen Vorteil, wenn wir nach Gründen suchen, etwas nicht zu tun – oder es endlich zu tun: Es ist eine Tatsache. Niemand kann sie bestreiten, sie lässt sich nicht wegdiskutieren. "Ich bin zu alt dafür" ist ein Satz, der sofort auf Verständnis trifft.
Genau das macht das Alter zu einer bequemen Erklärung – bequemer jedenfalls als die eigentlichen Fragen, die oft dahinterstecken: Habe ich Angst vor dem Scheitern? Fehlt mir das Vertrauen in meine Fähigkeiten? Was würde es über mich aussagen, wenn ich es versuche und es nicht klappt?
Dafür bin ich zu alt
DIese Aussage schützt vor dem Risiko. Wenn man es erst gar nicht erst probiert, kann man auch nicht scheitern. Das Alter wird zur Rechtfertigung für das Nichtstun, obwohl die eigentliche Ursache meist woanders liegt: in der Angst vor Bewertung, vor dem eigenen Anspruch, vor dem, was andere denken könnten.
Was könnte weiter dahinter stecken?
Wenn man genauer hinschaut, geht es bei den meisten "Ich bin zu alt" selten wirklich um Lebensjahre. Es geht um:
Die Angst, von vorne anzufangen. Nach Jahren in einem Bereich, in dem man kompetent und sicher ist, fühlt sich der Gedanke, wieder Anfängerin zu sein, unangenehm an. Das Alter liefert eine nette Erklärung, warum man sich diesem Unbehagen nicht aussetzen muss.
Die Sorge um die Aussenwahrnehmung. "Was denken andere, wenn ich mit 48 nochmal neu starte?" Diese Sorge wird oft ins Alter verlagert, weil sie sich dort leichter rechtfertigen lässt als beim eigentlichen Thema: der Angst vor Urteilen.
Der fehlende Beweis, dass es sich lohnt. Ohne Garantie auf Erfolg wirkt jeder Neustart riskant. Das Alter als Deadline oder Ausschlusskriterium zu nutzen, nimmt scheinbar die Unsicherheit – dabei bleibt sie natürlich trotzdem da, nur eben unbenannt.
Fehlender Selbstwert gegenüber den “Jungen”. Ageism oder auch altersbedingte Diskriminierung geht weit in unsere Gesellschaftsschichten. Jugend wird mit Schönheit, Agilität und Gesundheit assoziiert. Alter mit Gebrechlichkeit und mentaler Unflexiblität. Personen ab einem bestimmten Alter erlauben sich dadurch oftmals nicht mehr alles, weil sie sich mit zunehmendem Alter als weniger gesellschaftlich wertvoll sehen. Fatal.
Was das Alter tatsächlich mit sich bringt – und was nicht
Es wäre unehrlich zu behaupten, das Alter spiele überhaupt keine Rolle. Mit mehr Lebensjahren verändern sich oft auch die Rahmenbedingungen: andere finanzielle Verpflichtungen, eine andere verfügbare Energie, eine andere Risikobereitschaft. Das sind reale Faktoren, die man in eine Entscheidung einbeziehen darf und sollte.
Was das Alter aber nicht automatisch mit sich bringt, ist eine Antwort auf die Frage, ob ein Neustart sinnvoll ist oder nicht. Diese Antwort liegt nicht in der Zahl der Lebensjahre, sondern in der ehrlichen Auseinandersetzung mit der eigenen Situation, den eigenen Ressourcen und dem, was man wirklich will.
Die ehrlichere Frage
Statt "Bin ich zu alt dafür?" lohnt sich eine andere Frage: "Was genau hält mich zurück – und ist es wirklich mein Alter, oder ist es etwas, das ich mir bisher noch nicht eingestanden habe?"
Diese Frage ist unbequemer, aber sie führt näher an das heran, was tatsächlich entscheidet, ob ein Neustart gelingt: Die Bereitschaft, sich der eigentlichen Unsicherheit zu stellen, statt sich hinter einer Zahl zu verstecken.