Was ich von einem Ultramarathon für meine Selbständigkeit gelernt habe

Mind over Body: Was ein Ultramarathon bedeutet und wo es Parallelen zum Unternehmertum gibt.

Einen Marathon zu laufen, hört sich für manche reizvoll an. Einen Ultramarathon zu laufen – also alles ab 43 km – reizt wohl eher solche Menschen, die entweder überhaupt keine Ahnung haben wie sich so etwas anfühlt und sich übertrieben viel zutrauen, oder dann eben die, die das schon getan haben und darin eine Befriedigung finden. Ich gehöre dann wohl zu ersten Kategorie.

Die Idee: www.comrades.com im Juni 2026 in Südafrika. Von Durban nach Pietermaritzburg. Der sogenannte "Uprun" (unter Südafrikanern - und vielleicht auch bei ausländischen Insidern - ist man erst ein Finisher, wenn man den "Downrun", also den umgekehrten Weg, auch noch gerannt ist). Meine Strecke: 85.77 km und 1’650 HM.

Das finisher Shirt it der Medaille (je nach finisher Zeit sieht die Medaille anders aus)

Ich war da und habe jede Minute bis zu KM 70 genossen (and the rest is history). Ein Event den ich jedem Läufer wirklich nur empfehlen kann. Ein Strassenfest mit 100tausenden von Einheimischen. Singen, Tanzen, Anfeuern und zusammen laufen.

Ich habs gemacht und sehe heute - im Aufbau meiner Selbständigkeit - viele Parallelen zu dem, was ich täglich als Selbständige erlebe. Hier die Lektionen, die geblieben sind.

Das Ziel ist das Motiv ist die Motivation

Ich habe knapp ein halbes Jahr davor begonnen meine Wochenenden mit langen Läufen zu füllen. Ich war immer wieder teils mehr teils weniger verletzt. Die Hausapotheke war üppig gefüllt. Meine Voraussetzungen waren nicht gut. Aber ich hab mir gesagt, dass ich bereits durch starke Schmerzen trainiert, gleichzeitig ein Business aufgebaut, meine Gesundheit reguliert und dann noch viel gereist bin. Ich kann das. Ich krieg das hin. Ich wollte Südafrika nicht nur wie eine Touristin erleben, ich wollte dabei sein, mittendrin.

So ist es auch mit dem eigenen Business. Du hast das Ziel vor Augen. Rückschläge kommen. Unternehmertum ist nicht linear. Es ist ein auf und ab. Aber das Ziel ist der Sprit im Motor. Damit wird es unterwegs einfacher die Motivation hochzuhalten.

Die Fundament ist die halbe Miete

Die Vorbereitung für den Lauf war richtig hart. Der Wettkampf selbst dann nur noch die Belohnung. Verletzungen, zeitliche Einschränkungen, nebenher ein Business aufbauen, irgendwie ein Sozialleben pflegen, arbeiten. Das bedeutet aufstehen, auch wenn es bequemer wäre sitzen zu bleiben und auch an Tagen zu trainieren an welchen die äusserlichen oder die innerlichen Voraussetzungen einen Lauf undenkbar machen. Darum gehört dazu die richtige Ernährung, genügend Schlaf, Abwechslung, Pause und natürlich die richtige Ausrüstung. Das ist kein Nice to have sondern Pflicht.

Wie ich das fürs Business sehe? Will ich wachsen brauche ich ein solides Fundament. Eine Strategie, Methoden, Abläufe und Tools die funktionieren. Pausen und kreativen Raum. Trial & Error ist gut und wichtig, aber das Grundgerüst muss stimmen. Wenn Chaos herrscht oder Abläufe nicht funktionieren, verlierst Du Glaubwürdigkeit, Vertrauen und damit Kunden.

Die ersten Kilometer sagen Dir noch gar nichts

Bei Kilometer 5 oder auch bei 21 eines 86-km-Laufs hat man noch keine Ahnung, wie sich Kilometer 80 anfühlen wird. Der Körper ist frisch, der Kopf euphorisch, alles fühlt sich machbar an.

Genau so beginnt auch Selbständigkeit: mit Energie, Euphorie, dem Gefühl, dass man alles schaffen kann und alle nur auf einen warten. Der Anfang ist also selten gross ausschlaggebend für den Erfolg. Er zeigt sich dort, wo die Anfangseuphorie verflogen ist und die eigentliche Arbeit beginnt – beim Lauf wie im Business.

Tempo ist wichtiger als Geschwindigkeit

Bei einem Ultramarathon verliert man, wenn man zu schnell startet. Das Adrenalin der ersten Kilometer verleitet dazu, ein Tempo zu laufen, das sich gut anfühlt – aber nicht über 85 km machbar ist. Startest Du zu schnell, bezahlst Du das später mit Einbrüchen, die viel schwerer wiegen als der anfängliche Zeitgewinn.

Im Unternehmertum ist es ähnlich. Die ersten Monate mit voller Kraft durchzuziehen, in jede Richtung gleichzeitig loszulegen, Nächte durchzuzechen, fühlt sich produktiv an – ist aber selten nachhaltig. Ein tragfähiges Tempo, das sich über Monate und Jahre durchhalten lässt, schlägt langfristig fast immer die kurzfristige Geschwindigkeit.

Cut-off Zeiten setzen Zwischenziele

12 Stunden hatte ich maximal Zeit um ans Ziel nach Pietermaritzburg zu kommen. Das braucht Planung. Denn bei fast 1’700 Höhenmetern bei sommerlichen Temperaturen, musst Du (als nicht Profi) zwischendurch auch mal nur gehen um Dich zu erholen. Cutt-off Zeiten bei Läufen haben ihren Sinn. Je länger sich Läufer:innen auf der Strecke befinden, desto höher ist das gesundheitliche Risiko. Andererseits sind Strassen meist nur für einen begrenzten Zeitraum gesperrt und der organisatorische Aufwand mit Helfer:innen ist riesig. Dann kommt noch die Wichtigkeit der Fairness und eben auch der Wettkampfcharakter eines Laufes. Cut-offs sorgen dafür, dass alle unter vergleichbaren Bedingungen laufen und das Rennen planbar bleibt. Auch für die Läufer:innen.

Cut-off Bedingungen kann man im Business gleichstellen mit Deadlines und Zwischenzielen. Die selbstgesetzten und die von aussen auferlegten. Sie orientieren Dich und halten Dich ran. Ansonsten kann man sich gut verzetteln und in der Zeit verlieren.

Der Kopf ist der Boss, nicht der Körper

Natürlich kann der Körper streiken oder aufgrund einer Verletzung das Weitermachen verunmöglichen. Eine physische Erschöpfung ist jedoch selten das, was einen wirklich stoppt. Schon gar nicht wenn man ein Ziel hat. Es ist der Kopf, der entscheidet ob er Zweifel zulässt oder sich austricksen lässt.

Diese innere Stimme kenne ich auch aus der Selbständigkeit – bei einer Durststrecke, Zweifel oder bei einem Rückschlag. Der entscheidende Moment ist es zu lernen, trotzdem weiterzumachen und zu wissen, es gibt nach einem mentalen Tief immer ein Hoch.

Zwischendurch anzuhalten, ist kein Zeichen von Schwäche

Bei einem Lauf über 85 km gibt es Verpflegungsstationen – Wasser, Essen, kurze Pausen. Niemand käme auf die Idee, das als Schwäche zu werten. Es ist Teil der Strategie, um überhaupt ins Ziel zu kommen.

Im Unternehmertum wird Pause oft als Rückschritt empfunden oder mit Scham über unproduktive Zeit abgewertet. Dabei ist bewusste Erholung – ein freier Nachmittag, eine Woche ohne Content, ein Projekt, das bewusst liegen bleibt – genauso strategisch wie eine Verpflegungsstation. Sie ist kein Aussteigen aus dem Rennen, sondern die Voraussetzung, um es zu Ende zu laufen.

Der Downrun zählt genauso wie der Uprun

Was mich am Comrades-Konzept besonders erstaunt hat: Man gilt erst als "echter" Finisher, wenn man beide Richtungen gelaufen ist – den Uprun und den Downrun. Nicht nur den einen grossen Erfolg, sondern auch die Wiederholung, die zweite Runde, den Weg zurück.

Im Business ist das nicht anders. Ein erster Erfolg – der erste zahlende Kunde, der erste ausverkaufte Launch – fühlt sich wie das Ziel an. Ist es aber nicht. Nachhaltiger Erfolg entsteht durch Wiederholung, durch die Bereitschaft, den Weg noch einmal zu gehen, auch wenn die erste Euphorie längst verflogen ist. Du willst ja davon leben.

Alleine gehts - zusammen ist besser

Ich war eine ego-Sportlerin. Kopf runter und durch. Für eine Marathon oder Ultramarathon Distanz ist das nicht optimal. Alleine ist schon machbar, aber deutlich härter. Die richtigen Leute mit der entsprechenden Erfahrung um sich zu haben, überholt KI und andere Wissensquellen bei weitem. Denn Erfahrung ist nunmal noch immer der beste Lehrer. Und in der Gruppe mit coolen Leuten macht einfach alles mehr Spass.

Das gilt genauso fürs eigene Business. Du kannst alleine im Kämmerchen brüten und arbeiten. Aber Meinungen und Austausch sind wichtig. Ob Du diesen Empfehlungen dann folgst oder nicht. Etwas bleibt immer hängen und entwickelt Dich in die richtige Richtung.

5:00 Uhr Start in Durban mit 22’000 Läufer:innen

Fazit: Pain is temporary - Quitting lasts forever (Lance Armstrong)

Nach 85.77 KM ist man nicht mehr dieselbe Person wie am Start. Weil man erlebt hat, wozu man fähig sein kann, was andere oder man selbst in Frage gestellt hat. Genau dieses Vertrauen – in die eigene Ausdauer, die eigene Kompetenz Situationen einzuschätzen und sich anzupassen, das Wissen um Grenzen die sich verrücken lassen, ist das, was mich auch im Unternehmertum trägt.

Man muss keinen Ultramarathon laufen, um diese Lektion zu lernen. Aber es lohnt sich, sich zu fragen: Wo im eigenen Weg würde ein bisschen mehr Ultramarathon-Denken helfen? Ich sag’s euch: Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und, dass zu Beginn gesetzte Grenzen sich verschieben können. Dein Kopf ist die Quelle all Deiner Grenzen.

Ich hab in einem halben Jahr 2026 meinen ersten Marathon, meinen ersten Berg-Halbmarathon und meinen ersten Ultramarathon gerannt, habe ein Business gegründet und war dabei auf verschiedenen Kontinenten. Hat sich’s gelohnt? Und wie. Wollte ich auch mal aufgeben? Natürlich.

Jetzt verarbeite ich im zweiten Halbjahr 2026 mal das erlebte und fokussiere mich noch stärker auf meine Mission. Der nächste Ultramarathon wartet.


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